Ausgabe 4
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Viele Menschen haben begonnen, die Strukturen, in die sie hineingeboren wurden, grundlegend zu hinterfragen - die Folge davon ist eine stete Zunahme von Gemeinschaftsgründungen. Umweltverschmutzung, Ausbeutung der "Dritten Welt", Tierleid, Machtstrukturen, Fremdbestimmung und Lohnsklaverei betreffen bis zu einem gewissen Grad jedeN einzelneN von uns, mehr noch, wir sind mitverantwortlich! Denn je intensiver wir an der "planetaren Arbeitsmaschine" teilhaben, desto mehr sind wir nicht nur funktionierende, sondern auch initiierende Rädchen in diesem System. Vor diesem Hintergrund wurden in den letzten Jahrzehnten sehr viele Gemeinschaften gegründet. Der Ansatz ist für viele, den eigenen Lebensstil zu hinterfragen und dabei nach mehr Selbstbestimmung und -findung zu streben. Was bedeutet Gemeinschaft?Wie könnte man "Gemeinschaft" definieren? In Gemeinschaften leben Menschen in nicht-kleinfamiliärer Struktur zusammen und teilen dabei etwas (z.B. Weltanschauung, Grundstück, Geld). Nun möchte ich vor allem auf Landkommunen eingehen, welche weltweit in folgenden Aspekten Ähnlichkeiten aufweisen: ÖkologieÜber zwei Drittel der im Buch "Eurotopia 2000" (siehe Seite 19) erfassten Projekte empfinden sich selbst als ökologisch. Darunter wird verstanden, dass man z.B. baubiologisch renoviert, biologische Lebensmittel konsumiert, Selbstversorgung anstrebt oder nach den Prinzipien der Permakultur wirtschaftet. Dabei ist das Gemeinschaftsleben an sich schon ressourcenschonender als jede andere Form des Zusammenlebens, weil die meisten Güter eben gemeinsam genutzt werden, und Lebens- und Arbeitsraum oft mehr oder weniger identisch sind. Im Allgemeinen wird also von Vielen versucht, Schritt für Schritt in Richtung Nachhaltigkeit zu gehen.
ÖkonomieDiesbezüglich sind zwei Konzepte dominant. Ein Modell ist die "gemeinsame Kasse", in welche alle Einnahmen fließen, und aus der die Ausgaben bedarfsorientiert entnommen werden (ab einer bestimmten Betragshöhe meist mit Konsensentscheidung). Die Steigerung davon stellt die "gemeinsame Ökonomie" dar, in die zusätzlich auch das gesamte private Kapital (Sparbücher, Immobilien, anfallendes Erbe, etc.) eingebracht wird. Land, Gebäude und Produktionsmittel gehören meistens der Gemeinschaft, die nach außen hin oft als Verein oder Genossenschaft organisiert ist. Persönliche Gebrauchsgegenstände hingegen bleiben in Privatbesitz. Innerhalb von größeren Gruppierungen bzw. Ökodörfern gibt es oft eine Alternativwährung, um geldlosen Tauschhandel untereinander zu ermöglichen. Entscheidungsfindung"Konsensentscheidungen statt Hierarchien" könnte hier als Motto gelten. Bevorzugt werden also Entscheidungsprozesse, in welchen vermieden wird, dass Mehrheiten über Minderheiten bestimmen. Diese Herangehensweise erfordert mitunter viel Geduld, Zeit und Ausdauer, aber ihre – von allen Gruppenmitgliedern getragenen – Ergebnisse werden als stabiler und sozial gerechter als die üblichen Mehrheitsentscheidungen angesehen. Im Allgemeinen sind Beschlüsse folglich nur dann möglich, wenn kein Mitglied schwer wiegende Einwände in Form eines Vetos äußert. ArbeitAufgaben wie Haushaltsführung oder Kindererziehung, die sonst als "privat" gelten, werden in den meisten Kommunen gemeinschaftlich geregelt. Überhaupt sind die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit fließend. Tendenziell versuchen Menschen in Gemeinschaften, vom Spezialistentum weg zu kommen, was den Arbeitsalltag erleichtert und manchmal auch erst finanziell leistbar macht. Therapie und SpiritualitätIm Gemeinschaftsleben ist jeder Einzelne sehr gefordert, weil man einander nur schwer aus dem Weg gehen kann. Viele Gemeinschaften haben erkannt, dass persönliche Konflikte gruppendynamische Prozesse hervorrufen können, welche das Zusammenleben erschweren bis unmöglich machen. Um diese Tendenzen abzufangen, werden oft verschiedene Therapieformen eingesetzt, wie z.B. die "Radikale Therapie (RT)", eine selbst organisierte (ohne Therapeuten) und geschlechtlich getrennte Gruppentherapie. Darüber hinaus führt auch gemeinsam gelebte Spiritualität, die sich z.B. durch Tanz, Meditation, Musizieren, in Ritualen, aber auch im Alltagsleben manifestieren kann, zu persönlichem Wachstum, welches eine gute Basis für eine stabile Gemeinschaft ist. Strukturierung nötigAb einer gewissen Gemeinschaftsgröße ist eine klare Struktur von zentraler Bedeutung, um den Grad der Verbindlichkeiten innerhalb der Gruppe abzustecken. Dabei gefällt mir folgendes Modell sehr gut: Die kleinste Einheit, in der die Menschen einander sehr nahe stehen, ist die Wunschfamilie, wobei die Anzahl von sechs bis acht Mitgliedern, die das "Aufeinander-Eingehen" wirklich gut möglich macht, nicht überschritten werden sollte. Offenheit und Verbundenheit sind innerhalb der Wunschfamilie sehr groß, Selbstversorgung ist in Teilbereichen durchführbar. Dörfer aus WunschfamilienEtwa drei bis vier Wunschfamilien bilden den so genannten Stamm, dessen Mitglieder im Idealfall befreundet sind, wo es aber auch schon einfacher ist, einander aus dem Weg zu gehen. Mehrere Stämme formen ein Dorf, welches bis zu 300 Menschen beheimatet. Die Zahl und Vielfalt der BewohnerInnen macht es in diesem Rahmen möglich, fast zu 100% in Subsistenz (Selbstversorgung mit Gütern, Kultur, etc.) zu leben. Auf allen drei Ebenen gibt es regelmäßige Treffen, um gemeinsame Angelegenheiten zu regeln. Die Wunschfamilien delegieren "Gesandte" in den Stammesrat, und die Stämme schicken "SprecherInnen" in den Dorfrat, um deren Konsensentscheidungen jeweils auf die nächste Ebene zu tragen. Crystal Waters (Australien), das größte mir bekannte Permakultur-Dorfprojekt, hat sich weitgehend auf diese Art entwickelt. Die etwa 200 Erwachsenen und 50 Kinder leben dort auf 260 ha, die zu 80% Gemeinschaftsflächen sind und genossenschaftlich verwaltet werden. Das Thema Gemeinschaft konnte hier natürlich nur angerissen werden. Sollte das Feed-back auf den diesmaligen Schwerpunkt positiv sein, werden wir auch in den nächsten Ausgaben des REGENWURM dieses elementare Thema behandeln. Zuletzt noch ein Spruch, den ich erst vor wenigen Wochen entdeckte, und der mich sehr berührt hat, weil ich (auch alte) Teile von mir in ihm wiederfand: Ohne Verbindlichkeit ist Freiheit Beliebigkeit Ohne Freiheit ist Verbindlichkeit hohle Pflichterfüllung. Lebendige Strukturen sind eine Synthese aus Freiheit und Verbindlichkeit. (Thomas Diener) BioVegaN sieht sich auch als Netzwerk für bio-vegane Gemeinschaftsgründungen und unterstützt seine Mitglieder bei der Hof- und Gemeinschaftssuche! Ronny Wytek Verwendete Literatur: bolo'bolo: p.m. Das KommuneBuch: Kollektiv KommuneBuch (Hrsg.), 1996 Geteilter Weg - Geteiltes Ziel: BUND und NAJU (Hrsg.), 1997 eurotopia 1997/1998: Borstelmann, Dregger, Halbach eurotopia 2000/2001: Hagmaier, Stengel, Würfel Diese Publikationen sind auch in der BioVegaN-Bibliothek entlehnbar! |
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