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Ausgabe 8
Artikel: 'Permakultur, was ist das?'

Die kürzeste und wohl schönste Definition von Permakultur hat der Australier Bill Mollison, Autor vieler Bücher über Permakultur und Begründer dieses Begriffs, geliefert: „Permakultur ist das Schaffen von kleinen Paradiesen hier auf der Erde.“

Bill Mollison erhielt 1981 für diese Vision und das Aufzeigen ihrer Realisierung den alternativen Nobelpreis. Ursprünglich vor allem landschaftsökologisch orientiert kamen im Laufe der Zeit ökonomische und soziale Aspekte hinzu. Mollisons Ansatz hat viele begeistert und wurde weltweit aufgegriffen. Heute handelt es sich bei Permakultur (abgeleitet von permanent agriculture) um ein ganzheitliches Gerüst von Denkwerkzeugen, Ideen und Vorschlägen. Dieses soll Menschen dabei unterstützen, ihr Leben, ihren Lebensraum, ihre sozialen und wirtschaftlichen Beziehungen nachhaltiger zu gestalten.

Bill Mollison - der Begründer der Permakultur
Bill Mollison - der Begründer der Permakultur

Die Natur als Vorbild

Ausgangspunkt der Überlegungen Bill Mollisons waren natürliche und naturnahe Ökosysteme sowie ihre Nutzung oder Nachahmung durch indigene Völker, wie beispielsweise die Aborigines in Australien. Er beobachtete diese nachhaltig funktionierenden Systeme viele Jahre lang und formulierte dann eine Reihe von Gestaltungsgrundprinzipien (siehe unten). Diese lassen sich auf den Hausgarten ebenso anwenden wie auf die Konzipierung eines landwirtschaftlichen Betriebes aber auch auf den Aufbau einer Organisation oder auf die Gestaltung des eigenen Lebensstils.

Dabei war es ihm ein Anliegen, möglichst viele Menschen aus den verschiedensten Lebens- und Wirtschaftsbereichen anzusprechen – auch solche, die über keine landwirtschaftliche, naturwissenschaftliche oder ökologische Ausbildung verfügen. Alle sollen sich an diesem Umgestaltungsprozess in Richtung Nachhaltigkeit – in dem Lebensmittelproduktion und –versorgung eine zentrale Rolle einnehmen – beteiligen können.

Die Gestaltungsgrundprinzipien der Permakultur sind zwar klar definiert, die Ergebnisse bei deren Umsetzung werden jedoch in ihrer Vielfalt dadurch nicht eingeschränkt. Zu den wichtigsten Prinzipien gehören:

Jedes Element eines Systems erfüllt mehrere Funktionen

Als Grundlage dieses Prinzips dient die Untersuchung, welche Bedürfnisse im zu gestaltenden System auftreten. Funktionen, die keine Bedürfnisse befriedigen, führen zu Überfluss. Umweltverschmutzung kann als Ergebnis einer derartigen Funktion gesehen werden. Multifunktionalität im positiven Sinn lässt sich anhand eines Obstbaumes veranschaulichen. Dieser kann nicht nur vielseitig verwendbares Obst (für Saft, als Tafel- oder Dörrobst) tragen und am Ende seiner Zeit wertvolles Holz liefern, sondern auch Schatten spenden, den Wind bremsen (als Bestandteil einer Hecke), als Rankhilfe für Wein, Kiwis oder Stangenbohnen oder zur Hängemattenmontage dienen und in seiner Blütenpracht Augen- und auch Bienenweide sein.

Ein Mensch kann gleichzeitig sich wenigstens zum Teil selbst versorgen, Geld erwerben, forschen, sozial aktiv sein und Dünger produzieren.

Wichtige Funktionen werden von mehreren Elementen getragen

Dieses Prinzip ist für die Stabilität eines Systems unter widrigen Umständen entscheidend. Immer mehr Menschen beziehen lebenswichtige Ressourcen von nur einer Quelle, die oft auch noch außerhalb ihres Verantwortungsbereiches liegt. Bei Engpässen ist es tendenziell schwieriger, rechtzeitig eine neue Quelle zu erschließen, weil dann womöglich die Ressourcen dafür fehlen, vor allem wenn viele Menschen auf engem Raum davon betroffen sind.

Eine der lebenswichtigen Funktionen ist die Wasserbringung. Um diese dauerhaft stabil gewährleisten zu können, bedarf es grundsätzlicher Überlegungen. Welche Qualitäten von Wasser treten in meinem System auf bzw. kann ich neue erschließen? Wie kann ich das Wasser länger in meinem Verfügungsbereich halten? Wie setze ich die verschiedenen Wasserqualitäten anwendungsgerecht ein? Anstatt von der Ortsnetzwasserleitung abhängig zu sein, könnte im Idealfall eine Wasserquelle als Trinkwasser dienen, das gesammelte und weiche Regenwasser für die Waschmaschine gute Dienste leisten und das pflanzengeklärte Grauwasser (Abwässer ohne Kot) zum Gießen der Pflanzen eingesetzt werden, wobei der Gießwasserverbrauch durch intensives Mulchen minimiert werden kann. Als Reserve könnten Brunnen- und Teichwasser dienen.

Dieses Prinzip sollte auch bei der Versorgung mit Energie (verschiedene Energieträger), Nahrung (eine vielfältige, produktive, „essbare“ Landschaft), beim Gelderwerb (mehrere wirtschaftliche Standbeine, Vielfalt von Erzeugnissen, viele Märkte) und bei den sozialen Beziehungen zur Anwendung kommen.

Optimierung der Querverbindungen

Einzelne Elemente werden nicht isoliert voneinander gesehen, sondern durch entsprechende Platzierung bzw. zeitliche Staffelung in förderliche Beziehungen zueinander gesetzt.

Dazu ist es wichtig, alle im System existierenden Elemente nach deren Produkten, Bedürfnissen und Eigenschaften zu erforschen. Neben der planerisch-strukturierten Vorgangsweise kommen hier auch „freies Assoziieren“ und Intuition zum Tragen, da schon bei nur wenigen Elementen eine hohe, schwer fassbare Komplexität entsteht. So kommt es, dass im Idealfall alles mit allem in Verbindung ist und ein vibrierendes Netzwerk von synergetischen Verbindungen entsteht.

Wenn die Elemente Wohnhaus, Gewächshaus und Teich (jedes dieser Elemente hat für sich viele Funktionen) „befruchtend“ zueinander positioniert werden, steigt auch der Nutzen (siehe Abbildung).

In lokalen Tauschringen (siehe REGENWURM 7), haben die einzelnen Mitglieder die Möglichkeit, in einen produktiven und geldlosen Austausch miteinander zu kommen.

Vielfalt statt Einfalt

Je größer die (Bio-)Diversität, desto stabiler ist ein (Öko-)System. Somit erhöht die (Nutzpflanzen-)Vielfalt die Erntesicherheit und beugt Massenvorkommen von „Schädlingen“ vor. Monokulturen brauchen einen extrem hohen Energieeinsatz, vor allem von fossiler Energie, um den Ertrag zu sichern.

In Bezug auf den Lebensstil würde das einer Entwicklung vom Spezialisten- und Lohnsklavendasein hin zum Erforschen der vielfältigen eigenen Interessen und Fähigkeiten entsprechen, was ein erfüllendes Leben in größeren Zusammenhängen ermöglicht.

Optimaler Energieeinsatz

Ein grundlegender Gedanke der Permakultur ist die Minimierung der Energie, die erforderlich ist, um ein System aufrecht zu erhalten.

Mehrjährigen und selbstaussähenden Pflanzen wird gegenüber einjährigen der Vorzug gegeben, bei Planung und Umsetzung von Wohnhäusern wird auf die günstige Lage, Ausrichtung, Form und Dämmung geachtet, etc.

Auch werden Stoffkreisläufe so kurz wie möglich gehalten. Dabei hilft z.B. ein hoher Grad an Selbstversorgung, der die Verschwendung von fossiler Energie z.B. durch den Transport von Lebensmitteln und anderen Gütern unnötig macht.

Der Energieeinsatz wird auch durch die Nutzung eines Kompostklos (anstatt eines „Trinkwasserklos“, dessen Fäkalien kilometerweit in energieaufwändigen Kanälen transportiert werden) optimiert.

Mit Hilfe durchdachter Planung können die einzelnen Elemente so angelegt werden, dass oft frequentierte Wege kurz sind. Der Kräutergarten wird vor der Küchentür und der Feuerholzwald in einer äußeren Zone des Systems platziert.

Randeffekte fördern und nutzen

Randzonen sind Bereiche, wo verschiedene Böden, Hangneigungen, Medien etc. einander berühren. Diese Übergangsbereiche sind besonders lebendig, weil sie Attribute von dem einen und dem anderen Bereich vereinen und gleichzeitig Eigenschaften haben, die durch die Vermischung der beiden Elemente entstehen.

In der Randzone zwischen Wasser- und Landfläche finden sich Arten, die in dem einen oder anderen Biotop überleben können und auch solche, die gerade die speziellen und vielfältigen Bedingungen im Grenzbereich benötigen.

Solche Randzonen können auch neu geschaffen oder vergrößert werden: entlang von Zäunen, Wegen und Terrassenmauern. Durch wellige statt gerade, runde statt rechtwinkelige Formen wird in der Permakultur-Gestaltung versucht, eine große Fläche von Randzonen entstehen zu lassen.

Permakultur ist weder energie- noch kapitalintensiv, sondern erfordert Beobachtung und Kreativität. Nicht die Größe des zur Verfügung stehenden Grundstückes oder die Menge der Ressourcen bestimmen die Zahl der Möglichkeiten seiner Nutzung. Vielmehr hängt es von unseren Fähigkeiten als NutzerInnen und GestalterInnen ab. Diese können durch Permakultur-Design-Kurse (ab 2002) erlernt und durch die Beobachtung natürlicher Abläufe verbessert werden.

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